Das doppelte Dublin
Das hatte sich Königin Elisabeth I. wohl anders gedacht, als sie Ende des 16. Jahrhunderts in Dublin das Trinity College gründete. Sie wollte nicht, dass die Studenten aufs europäische Festland auswandern und sich dort von katholischem Gedankengut beeinflussen lassen. Der Protestantismus auf der grünen Insel musste gewahrt werden, was auch lange Zeit geklappt hatte. Heute sind allerdings drei Viertel der Trinity-Studenten katholisch.
Trotzdem hat Betty mit der Gründung alles richtig gemacht. Das Trinity College ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, nicht zuletzt wegen des Book of Kells, einer um 800 entstandenen Abschrift der vier Evangelien. Katrin und ich schauen uns das in einer Glasvitrine liegende Buch nicht an, da es uns unsere Einstellung verbietet, für den Anblick der Kopie eines Buches Geld zu bezahlen. Das wäre ja so, als würde jemand die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci mit Brotpapier abpausen, irgendwo ausstellen und dann auch noch 5,50 Euro Eintritt für diese Cover-Version des Bildes verlangen. So bleibt es für uns bei einer Außenansicht des graubraunen Trinity College, die sich lohnt.
Woran liegt es eigentlich, dass alte Gebäude bis auf wenige Ausnahmen grundsätzlich schön sind? Das fällt mir nicht nur während dieser Reise auf, sondern auch zu Hause in Kiel. Meine Stadt ist während des Zweiten Weltkriegs ordentlich durchgeschüttelt worden. Das hatte zur Folge, dass neben die wenigen schönen, verschnörkelten Häuser der Vorkriegszeit viele hässliche, rote Backsteinbauten oder graue Betonklötze aus den 50er, 60er und 70er Jahren gebaut wurden. Sollte es am Anfang noch am Geldmangel gelegen haben, dass keine schöneren Häuser drin waren, scheinen mir sämtliche Architekten und Bauherren über die Jahre ihren Geschmack und jeglichen Sinn für Detailverliebtheit verloren zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen in 500 Jahren durch die Welt reisen und ihre – mittlerweile ins Auge implantierten – Fotoapparate nicht mehr still halten können, weil sie diesen Baustil um die Jahrtausendwende so atemberaubend finden. Backstein, das Baugold des 20. Jahrhunderts.
Das Besondere an Irland ist, dass es im Verhältnis zu seiner überschaubaren Größe ein weltweit ziemlich großes Image hat. Mit einem ganz bestimmten Baustil hat es sich unsterblich gemacht. Auf der ganzen Welt steht in jeder größeren Stadt so ein Gebäude. Von außen eine Holzfassade bis zum ersten Stock, entweder grün wie das irische Kleeblatt oder schwarz wie das irische Bier oder rot wie das Haar eines Iren. Von innen kommen laute Fiedel-Musik und betrunkene Menschen. Im Volksmund heißen diese Gebäude „Irish Pub“.
Hier in Dublin und besonders im Weggeh-Viertel Temple Bar steht ein Irish Pub neben dem anderen. Gebaut an enge Kopfsteinpflastergassen, die ordentlich weh tun, wenn man nach zu viel Guinness torkelnd aus dem Pub kommt und direkt auf der Nase landet. Viele Dubliner meiden Temple Bar am Wochenende, wenn es dunkel ist, weil die „jungen Wilden“ dann steil gehen und der Biergenuss gerne auch mal anderweitig Grund dafür ist, dass Nasen anfangen zu bluten. Schöner ist es unter der Woche oder tagsüber. Wir halten uns an den Tipp aus unserem Reiseführer, auch wenn ich normalerweise natürlich ein Journalist bin, der dahin geht, wo es wehtut. Völlig klar.
Jetzt sind wir in einer Mischung aus Pub und Sports Bar gelandet und ich erschrecke mich alle 30 Sekunden. Die Lasagne in meinem Mund ist sehr heiß, die Stimmung im Raum auch. Hinter mir läuft ein Fernseher, der ein Fußballspiel aus der englischen Liga zeigt. Ich wusste nicht, dass sich die Iren für Fußball des großen (Stief-)Bruders interessieren. Tun sie aber offensichtlich, denn jeder Torschuss, Ballverlust oder Schiedsrichterentscheid wird mit lautem Geschrei kommentiert. Das lässt mich zusammenzucken. Beschweren will ich mich aber nicht, die Iren sind groß und schwer und kahlköpfig und ihnen schmeckt das Guinness schon wieder richtig gut. Lass die Jungs mal spielen, denke ich mir.
Ich nenne Guinness übrigens ab sofort mein liebstes „Kaffeebier“. Diese Assoziation ist tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen, da beim Brauen Röstmalz verwendet wird. Er verleiht dem Bier seine dunkle Farbe und ein Aroma, das irgendwo ganz hinten links im Gehirn an herbe Schokolade oder Kaffee erinnert.
Bei der weltberühmten Guinness-Brauerei sind wir heute auch schon vorbei gestapft, aber die 17 Euro für eine Führung haben wir uns gespart. Als Kind aus Schleswig-Holstein bin ich schon zu Schulzeiten bei zu vielen Brauerei-Führungen dabei gewesen. Bei mir um die Ecke sind schließlich die Flensburger, Dithmarscher und Holsten-Brauerei ansässig. Lustig wie meine Lehrer damals mehrfach vor der Schuldirektion ihre persönliche Bierleidenschaft als pädagogisch wertvollen Klassenausflug rechtfertigen konnten. Uns Schülern sollte es recht sein. Vor allem die Rückfahrt im Schulbus war immer sehr lustig, weil wir als 11jährige allein vom Biergeruch in der Brauerei halb besoffen waren.
Somit entgeht uns ein großes Finale: Die Guinness-Brauerei hat sich oben aufs Dach eine Art Aussichtsplattform hingebaut mit einem spitzenmäßigen Blick über Dublin. Wenn man während der Führung genügend Bier getrunken hat, sieht man die Stadt sogar doppelt.
Notiz:
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Ich habe keinen einzigen Iren mit roten Haaren gesehen.


