November 23, 2009

Das doppelte Dublin

Das hatte sich Königin Elisabeth I. wohl anders gedacht, als sie Ende des 16. Jahrhunderts in Dublin das Trinity College gründete. Sie wollte nicht, dass die Studenten aufs europäische Festland auswandern und sich dort von katholischem Gedankengut beeinflussen lassen. Der Protestantismus auf der grünen Insel musste gewahrt werden, was auch lange Zeit geklappt hatte. Heute sind allerdings drei Viertel der Trinity-Studenten katholisch.

Trotzdem hat Betty mit der Gründung alles richtig gemacht. Das Trinity College ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, nicht zuletzt wegen des Book of Kells, einer um 800 entstandenen Abschrift der vier Evangelien. Katrin und ich schauen uns das in einer Glasvitrine liegende Buch nicht an, da es uns unsere Einstellung verbietet, für den Anblick der Kopie eines Buches Geld zu bezahlen. Das wäre ja so, als würde jemand die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci mit Brotpapier abpausen, irgendwo ausstellen und dann auch noch 5,50 Euro Eintritt für diese Cover-Version des Bildes verlangen. So bleibt es für uns bei einer Außenansicht des graubraunen Trinity College, die sich lohnt.

Woran liegt es eigentlich, dass alte Gebäude bis auf wenige Ausnahmen grundsätzlich schön sind? Das fällt mir nicht nur während dieser Reise auf, sondern auch zu Hause in Kiel. Meine Stadt ist während des Zweiten Weltkriegs ordentlich durchgeschüttelt worden. Das hatte zur Folge, dass neben die wenigen schönen, verschnörkelten Häuser der Vorkriegszeit viele hässliche, rote Backsteinbauten oder graue Betonklötze aus den 50er, 60er und 70er Jahren gebaut wurden. Sollte es am Anfang noch am Geldmangel gelegen haben, dass keine schöneren Häuser drin waren, scheinen mir sämtliche Architekten und Bauherren über die Jahre ihren Geschmack und jeglichen Sinn für Detailverliebtheit verloren zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen in 500 Jahren durch die Welt reisen und ihre – mittlerweile ins Auge implantierten – Fotoapparate nicht mehr still halten können, weil sie diesen Baustil um die Jahrtausendwende so atemberaubend finden. Backstein, das Baugold des 20. Jahrhunderts.

Das Besondere an Irland ist, dass es im Verhältnis zu seiner überschaubaren Größe ein weltweit ziemlich großes Image hat. Mit einem ganz bestimmten Baustil hat es sich unsterblich gemacht. Auf der ganzen Welt steht in jeder größeren Stadt so ein Gebäude. Von außen eine Holzfassade bis zum ersten Stock, entweder grün wie das irische Kleeblatt oder schwarz wie das irische Bier oder rot wie das Haar eines Iren. Von innen kommen laute Fiedel-Musik und betrunkene Menschen. Im Volksmund heißen diese Gebäude „Irish Pub“.

Hier in Dublin und besonders im Weggeh-Viertel Temple Bar steht ein Irish Pub neben dem anderen. Gebaut an enge Kopfsteinpflastergassen, die ordentlich weh tun, wenn man nach zu viel Guinness torkelnd aus dem Pub kommt und direkt auf der Nase landet. Viele Dubliner meiden Temple Bar am Wochenende, wenn es dunkel ist, weil die „jungen Wilden“ dann steil gehen und der Biergenuss gerne auch mal anderweitig Grund dafür ist, dass Nasen anfangen zu bluten. Schöner ist es unter der Woche oder tagsüber. Wir halten uns an den Tipp aus unserem Reiseführer, auch wenn ich normalerweise natürlich ein Journalist bin, der dahin geht, wo es wehtut. Völlig klar.

Jetzt sind wir in einer Mischung aus Pub und Sports Bar gelandet und ich erschrecke mich alle 30 Sekunden. Die Lasagne in meinem Mund ist sehr heiß, die Stimmung im Raum auch. Hinter mir läuft ein Fernseher, der ein Fußballspiel aus der englischen Liga zeigt. Ich wusste nicht, dass sich die Iren für Fußball des großen (Stief-)Bruders interessieren. Tun sie aber offensichtlich, denn jeder Torschuss, Ballverlust oder Schiedsrichterentscheid wird mit lautem Geschrei kommentiert. Das lässt mich zusammenzucken. Beschweren will ich mich aber nicht, die Iren sind groß und schwer und kahlköpfig und ihnen schmeckt das Guinness schon wieder richtig gut. Lass die Jungs mal spielen, denke ich mir.

Ich nenne Guinness übrigens ab sofort mein liebstes „Kaffeebier“. Diese Assoziation ist tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen, da beim Brauen Röstmalz verwendet wird. Er verleiht dem Bier seine dunkle Farbe und ein Aroma, das irgendwo ganz hinten links im Gehirn an herbe Schokolade oder Kaffee erinnert.

Bei der weltberühmten Guinness-Brauerei sind wir heute auch schon vorbei gestapft, aber die 17 Euro für eine Führung haben wir uns gespart. Als Kind aus Schleswig-Holstein bin ich schon zu Schulzeiten bei zu vielen Brauerei-Führungen dabei gewesen. Bei mir um die Ecke sind schließlich die Flensburger, Dithmarscher und Holsten-Brauerei ansässig. Lustig wie meine Lehrer damals mehrfach vor der Schuldirektion ihre persönliche Bierleidenschaft als pädagogisch wertvollen Klassenausflug rechtfertigen konnten. Uns Schülern sollte es recht sein. Vor allem die Rückfahrt im Schulbus war immer sehr lustig, weil wir als 11jährige allein vom Biergeruch in der Brauerei halb besoffen waren.

Somit entgeht uns ein großes Finale: Die Guinness-Brauerei hat sich oben aufs Dach eine Art Aussichtsplattform hingebaut mit einem spitzenmäßigen Blick über Dublin. Wenn man während der Führung genügend Bier getrunken hat, sieht man die Stadt sogar doppelt.

Notiz:

  • Ich habe keinen einzigen Iren mit roten Haaren gesehen.

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November 19, 2009

Berlin II - Vom Nightliner verfolgt

Unsere Fahrräder führen uns aus dem Park rechts herum in die Kreuzbergstraße, von der aus wir jetzt noch Richtung Touri-Meile Unter den Linden fahren möchten. Wir kommen nicht sehr weit, da mich ein Motorrad-Polizist anhält. Ich sehe mich schon in Handschellen, weil ich mit diesem selbstgesägten Lenker nicht fahren darf. Der Biker-Beamte schiebt sein Visier hoch und ich merke schnell, dass ihm mein Fahrrad ziemlich egal ist. Ich höre ihn sagen, dass wir hier während der nächsten zwei Minuten nicht weiter geradeaus fahren dürften und erstmal stehen bleiben müssten. Warum, sehen wir unmittelbar danach. Die Mannschaftsbusse von vorhin kommen von hinten angefahren mit stillem Blaulicht und äußerst überschaubarer Geschwindigkeit. Dahinter fahren sechs oder sieben schwarze Mercedes-Benz mit Diplomaten-Kennzeichen. Und inmitten der Kolonne kommt der getönte Nightliner aus dem Park wieder ins Bild. Wer ist denn da bloß drin? Spätestens jetzt steht mein Plan fest, zu Hause im Internet nachzuschauen, ob ich über diese höchstmysteriöse Aktion etwas finde.

Den Mehringdamm können wir ohne Zwischenfälle Richtung Brandenburger Tor fahren, beim Hotel Adlon und der sich direkt daneben befindenden britischen Botschaft ist allerdings wieder Schluss. Das gleiche Bild wie am Kreuzberg: unendlich viele Polizisten, die den Verkehrsteilnehmern sagen, wo sie nicht mehr lang fahren dürfen. Und dazu gehört auch die Durchfahrt zur Botschaft. Na ja, da wollten wir eh nicht lang.

Wir sind kurz davor, umzudrehen und nach Hause zu fahren um endlich zu erfahren, was hier in Berlin vor sich geht. Und nachdem wir den Nightliner ein weiteres Mal sehen wie er Unter den Linden entlang fährt, machen wir uns tatsächlich auf den Weg.

Per Google Maps lerne ich, dass die Straße an dem Sportplatz Katzbachstraße heißt, und nach weiterführender Recherche stellt sich mir der Sportplatz via Internet als Katzbachstadion vor. Dort fand heute ein christlich-muslimisches Fußballspiel statt. Imamen spielten gegen Pfarrer, wie sie das jedes Jahr tun, um ein Zeichen für die Religionsverständigung in Berlin zu setzen. Und mit einem Mal ergibt alles einen Sinn: die Polizei, der Hubschrauber, der Nightliner, die Diplomaten-Autos, die britische Botschaft, das Hotel Adlon und die gesperrten Straßen. Die Weltstadt Berlin sorgt für besten Komfort und höchste Sicherheit, wenn sie hohen Besuch bekommt. Besuch, der sich für Integration interessiert und deshalb dem Sieger des Spiels einen Pokal überreichen wollte. In den letzten Jahren gab es regelmäßig Torfestivals bei dieser Begegnung: 12:1, 6:0. Diesmal endete das Freundschaftsspiel zum ersten Mal gähnend langweilig torlos. Das hat sich Prinz Charles bestimmt anders vorgestellt.

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Weiter geht’s nach Dublin… am Montag, 23.11.:

Ist Backstein das Baugold des 20. Jahrhunderts? // Schmeckt Guinness-Bier wirklich nach Kaffee? // Und was tut man gegen große, schwere, laute Iren?

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November 16, 2009

Berlin I - Hundehalter, Helikopter, höchste Sicherheit

Kreuzberg. So heißt nicht nur der bekannteste Stadtteil Berlins, so heißt – welch Wunder – auch ein Berg, um den es sich das lebendige Viertel gemütlich gemacht hat. Zum Kreuzberg bin ich gerade per Fahrrad unterwegs. Einem Fahrrad mit dem schmalsten Lenker der Welt. Viel breiter als 20 Zentimeter ist er nicht. Links und rechts von der senkrechten Mittelstange haben gerade so meine Hände Platz um sich fest zu halten und im Optimalfall zu lenken. Manuell gekürzt, einfach abgesägt und die scharfen Metallenden ein bisschen entschärft. Das Fahrrad hat mir meine Freundin Barbara organisiert. Sie ist gerade nach Berlin gezogen und ich besuche sie. Es stammt von einem Berliner, der weiß, wie der Hauptstadt-Hase läuft. Das ist zwar für das Gleichgewicht nicht sonderlich förderlich. Allerdings kann es für Geldbeutel und Gesundheit die Rettung sein. Die Fahrradwege in Berlin sind manchmal schmal, manchmal gar nicht vorhanden. Dementsprechend schlängele ich mich über Warschauer und Skalitzer Straße, am berühmten Kottbusser Tor vorbei, von Freunden liebevoll Kotti genannt, bis zur Möckernstraße durch den rücksichtslosen Großstadtverkehr. Mit einem breiteren Lenker hätten entweder ich oder die Autos neben mir jetzt einige Schrammen mehr.

„Ach wat, und darauf kannste fahr’n? Ick hab ja schon viel jeseh’n, aber so een schmalet Teil noch nüscht“, spricht mich ein torkelnder, blonder Mittvierziger mit maulkorbtragendem Kampfhund im Schlepptau an. Wir stehen am Fuße des Kreuzbergs, durch den sich der grüne und zugemüllte Victoriapark zieht und ich kaufe mir am Kiosk eine Apfelschorle. Der Hundehalter trinkt Bier. Klar kann ich darauf fahren. Allerdings nur solange ich bei Apfelschorle bleibe, denke ich, während er seine Lippen erneut schürzt und die Flasche ansetzt.

Der Aufstieg durch den Victoriapark zur Spitze des Kreuzbergs gestaltet sich anstrengend. Nicht nur, weil der Weg zu steil zum Fahren ist, Barbara und ich werden auch ständig von Polizisten umgeleitet und zurecht gewiesen. Hier dürften wir nicht lang gehen, wir könnten allerdings dort drüben bis zur nächsten Kreuzung laufen, an der die Kollegen stehen und sie fragen, wo es dann für uns weiter geht. Bestimmt 30 Polizisten begegnen uns auf engstem Raum, dazu stehen an den Parkwegen immer wieder Mannschaftsbusse, ein paar Polizei-Pkws und mittendrin ein schwarzer Nightliner mit getönten Scheiben. Was ist denn hier los?

Im Vorbeigehen erkenne ich einen Sportplatz am Rande des Victoriaparks, auf dem offensichtlich einiges los ist. Genaueres ist nicht zu erkennen, wahrscheinlich ein Kreisklassen-Fußballspiel. Aber dass dafür Hundertschaften der Polizei ausrücken um das Gebiet zu bewachen, halte ich für übertrieben.

Oben an der Spitze des Kreuzbergs ist der Blick über Berlin fantastisch. Der warme Stadtwind hat den blauen Himmel weggeweht. Grauer Himmel über grauer Stadt – das passt. Die Sicht auf den Sportplatz bleibt uns durch Bäume versperrt. Wir hören den Stadionsprecher Worte sagen, die der Lärm eines Hubschraubers direkt über uns verschluckt und wegträgt. Nur „Vielen Dank für Ihren Besuch“ und „Kommen Sie gut nach Hause“ verstehe ich. Ob der Helikopter etwas mit der Sache zu tun hat? Wäre ich im Ruhrgebiet, würde ich stark auf einen Außendreh von „Alarm für Cobra 11“ tippen. Die Folge könnte „Sportplatz in explosiver Gefahr“ heißen. Oder so.

Durch das Ende der Veranstaltung verändert sich unser Weg nach unten noch einmal. Die Hundertschaften haben eine Blockade gebildet, damit Passanten einen großen Bogen um den Sportplatz machen. Was zur Hölle geht denn da vor sich?

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Fortsetzung folgt… am Donnerstag, 19.11.:

Ja, was zur Hölle ist denn da nun los? // Und: Ich werde von der Polizei angehalten. Wegen des Lenkers?

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November 12, 2009

Prag III - Eine Live-Peep-Show nur für mich!

Montag, 09:00 Uhr:

Meine 40 Stunden in Prag sind vorbei, ich sitze im Zug, der die Stadt von Sekunde zu Sekunde kleiner werden lässt. Gestern Abend gab es noch ein tschechisches Gulasch, serviert in einem Handball großen und auch so geformten Zwiebelbrot. Der innere Teig des Brots wurde entfernt, sodass die Rinde als Suppenschüssel dienen konnte. Sehr originell, leider nur halb lecker. 195 Kronen inklusive einem stillen Wasser.

Die letzte Nacht im Hostel war interessant. Die Mädels aus Taiwan waren inzwischen abgereist, die beiden Inder noch in der City unterwegs. Dafür hatte ich Gesellschaft von einem Pärchen aus New York bekommen, das es offensichtlich gar nicht erwarten konnte, endlich übereinander herzufallen. Gegen 23 Uhr haben wir das Licht ausgemacht und keine 15 Sekunden später hörte ich wilde Schmatzgeräusche, die in mäßig erfolgreich unterdrückte Stöhnsequenzen und rhythmisches Bettquietschen übergingen.

Wow, eine kostenlose Live-Peep-Show nur für mich! Das wäre doch nun wirklich nicht nötig gewesen, dachte ich, während ich vergeblich versuchte, einzuschlafen.

Die Ab- und Umrechnung:

Wäre dies eine Fernsehshow, würde die Regie jetzt Spannungsmusik und einen schnellen Herzschlag einspielen. Die Menschen im Publikum hätten schmerzverzerrte Gesichter und würden sie mit ihren Händen verdecken, weil sie die Aufregung nicht mehr aushalten könnten. Hat er es geschafft? 40 Stunden mit 40 Euro? Haben wir in wenigen Momenten einen neuen Weltmeister im Low-Budget-Urlaubing? Pause, Pause, Pause. Dann würde natürlich nochmal Werbung kommen. So weit gehe ich nicht.

Ich gebe die Summe meiner Ausgaben – 1253 Tschechische Kronen – in diesem Augenblick in den Währungsrechner ein und stelle fest, ………………bitte warten……………….., dass ich in den letzten 40 Stunden 45,10 € ausgegeben habe. Knapp gescheitert, aber schön war es trotzdem.

Notizen:

  • Sollte es wirklich wahr sein, dass die Stadt Prag gar nicht existiert, dann ist es zumindest das günstigste Disneyland der Welt.

  • Zum nochmal Nachrechnen: 1 € → 27,78 Kč

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